Arbeit entfremdet den Menschen von sich selbst!
Hat schon K. Marx gewusst. „Aber auch von seinen Mitmenschen, mit denen er per Blog in Kontakt zu bleiben gedenkt“, möchte der moderne Mensch dem Führer der Proleten aller Länder ins Grab hinterher rufen.
Jetzt ist es schon wieder geschehen. Schlimmer noch: Es ist nicht nur geschehen, dass ich wochenlang nicht gebloggt habe, ich muss auch noch die schädlichste, unglaubwürdigste und unangenehmste von allen Ausreden hervorbringen: Ich habe gearbeitet! Ja, GEARBEITET!
Oh, Gott sei mir gnädig, wie konnte das passieren?
Alles hat damit begonnen, dass vor einigen Wochen, der dänische Chef mit dem unvergleichlich nicht akzentfreien Dänglisch, mich freitags angerufen hat (man sieht ihn nie im Büro!), um mir mitzuteilen, dass sie am nächsten Tag bei einem Federfabrikenten in der Nähe von Bangkok „live“ gehen würden, also das Navision produktiv schalten. (Was übrigens bis heute noch nicht in vollem Umfang geschehen ist. Bekanntermaßen ignorieren IT-Projekte jeden Zeitplan ebenso vollständig wie Daimler, die Telekom und SAP den Zeitplan der Bundesregierung zur Lkw-Maut!) Er hat eine interessante Erfahrung versprochen, also habe ich die Frage, ob ich nicht mitkommen wolle mit „ja“ beantwortet, obwohl das bedeutete an einem Samstag vor sieben aufzustehen.
Kaum beim Kunden angekommen, einem japanisch geführten Unternehmen, das nach Auftrag ca. 3000 verschiedene Federtypen herstellt und so in etwa alles an in Thailand ansässigen japanischstämmigen Unternehmen beliefert, wurde ich angewiesen, mir doch mal die von uns entwickelte Lösung für Barcodes anzuschauen. Daran habe ich dann erstmal eine Woche hektisch gearbeitet, ich habe ja auch keine Ahnung von Barcodes, und dann, nachdem „Tiger“, der Projektleiter, seinen 45 tägigen Urlaub angetreten hatte, beim Kunden festgestellt, dass die Artikeldaten vorne und hinten nicht stimmen, ebenso wenig wie die Produktionsdaten. Toll, wenn man nicht weiß, was vorher eigentlich mit diesen Daten passiert ist. Also hieß es, erstmal die Daten, die wir vom Kunden gekriegt hatten, zu verstehen, zu korrigieren („Nein, ihr habt da nicht ausgerechnet, wie viele Sekunden die Produktion einer Feder diesen Typs auf der Maschine dauert, sondern wie viele Federn in einer Sekunde produzieren kann. Ja, das ist ein Unterschied. Nein, damit solltet ihr nicht planen. Nein, wirklich nicht! Nein, das war nicht unser Fehler…“). Und dann alles noch mal zu importieren. Was leicht und schnell gegangen wäre, wenn wir nicht schon das ganze System voll unbrauchbarer Daten gehabt hätten.. Nun ja, bis Mittwoch vergangener Woche war ich dann eben vorwiegend in Navanakorn, einem Industrievorort in der Nähe Bangkoks. Leider nicht so in der Nähe, dass ich von Bangkok was hätte mitkriegen können.
Mittwoch hatte ich dann endlich die Daten einigermaßen sinnvoll im System. Donnerstag kam denn der japanische Projektleiter auf mich zu und hat gesagt: „Wir haben da was vergessen. In irgendeinem anderen System sind da auch noch so Daten, die ins System sollten..“
Nur, dass am Donnerstag Mittag mein Vater und seine Frau ankamen, und ich deshalb Donnerstag und Freitag frei genommen habe, sowie die Gewissheit, dass ich danach mit Tina einen von Arbeit ungetrübten Urlaub erleben werde, hat mich davon abgehalten einen Mord aus Affekt zu begehen! Unfassbar!
Falls ihr in einigen Jahren, die Fernbedienung eure neuen SONY DVD-Players bedient, denkt bitte daran, dass ich einen harten Kampf mit den technischen und wirtschaftlichen Daten der Feder geführt habe, die irgendwo in diesem technischen Wunderwerk steckt.
Gut an dieser Erfahrung war, dass ich neben der thailändischen Geschäftskultur (z.B. ausgedehnte Nickerchen auf unbearbeiteten Dokumenten) nun auch die japanische Geschäftskultur ein wenig kennen lernen konnte (z.B. dauernd nervöse und hyperaktive Projektleiter oder solche, die immer nur sagen „Sorry, I’m busy!“, wenn man eine wichtige Entscheidung getroffen haben möchte. Bis man mitkriegt, dass sie nur diesen Satz auf Englisch kennen. Und an wen man sich eigentlich wenden muss..). Gut, war auch, dass mir die Firmenkantine jeden Tag einevegetarisches Mittagessen bereitgestellt hat. Nicht so gut, dass das zur Hälfte immer aus einem eher schlabbrigen Omelette bestand. Mit Orm, einer Thai, die mit mir die letzte Woche bei diesem Kunden war, habe ich dann wenigstens abends die Essensstände abgeklappert und für Spottpreise vor meinen Augen zubereitetes original thailändisches Essen genossen.
So bin ich also am Donnerstag aus dem Navanakorn Golden View Hotel aus- und ins Bangkoker Shangri La eingezogen. Das Golden View trägt seinen Namen, weil man auf die vergoldeten Dächer eines buddhistischen Tempels guckt. Nicht ganz zurecht, wie ich meine, denn der Tempel liegt hinter einer etwa 80 Meter breiten autobahnähnlichen Straße. Auf einer Seite des Hotels ist eine Bushaltestelle (für Überlandbusse), an der den ganzen Tag und die halbe Nacht hindurch über Lautsprecher die Fahrgäste vertröstet werden, weil der Nächste Bus schon wieder Verspätung hat. An einer anderen Seite ist ein kleiner Laden, der ab früh morgens bis spät nachts thailändische Dancemusik spielt. Das Frühstück zeichnet sich dadurch aus, dass die Spiegeleier kälter sind als der Orangensaft. Frage mich heute noch, wie die das hinkriegen.. Und wie ich den Cholesterinschock von täglich mindestens vier Eiern überstehen konnte..
Das Shangri La hingegen ist ein Hotel der internationalen Spitzenklasse, das direkt am Mae Naam Chao Phraya („Mutter Wasser Chao Phraya“, dem großen Fluss, der Bangkok von seiner Schwesterstadt Thonburi trennt) liegt, mit einer fantastischen Aussicht, einem guten, aber etwas sehr westlichen Thai-Restaurant („Entschuldigung, sie haben die Chilis vergessen“ konnte ich mir verkneifen) und allem Unfug der dazugehört. Toll!

Die Aussicht ist gar nicht sooo schlecht, oder? Links: Bangkok. Mitte: Mae Naam Chao Phraya. Rechts: Thonburi

Etwas luxuriöser als mein Zimmer in Siracha.. Und etwas höher (24. Stock!)
Und Schneiders habe ich bei der Gelegenheit auch mal wieder besuchen können. Weil sich mein Vater und Usch erwartungsgemäß als gute Kunden erwiesen haben, springt auch noch ein Hemd für mich als „Provision“ dabei raus. Na also!
Dadurch, dass ich die meiste Zeit in Navanakorn verbracht habe, gibt es leider auch sonst nicht viel zu berichten. Das ist das Leben, das ich immer gefürchtet habe. Das Leben eines wertvollen Mitglieds der Gesellschaft. Ich warne alle, die von diesem Virus noch nicht endgültig befallen sind eindringlich! Seid auf der Hut!
Jetzt bin ich wieder in Siracha, muss noch ein paar Dinge für Sven erledigen, zu denen ich noch nicht kam. Sven ist gerade in auf einem Projekt in Vietnam, und so weit ich weiß, wird es mich da auch hin verschlagen, ein Visum ist glaube ich schon beantragt. Aber Dienstag Abend geht’s erstmal wieder nach Bangkok, wo ich Mittwoch Morgen zu nachtschlafender Zeit Tina in Empfang und meine Arme nehmen werde. Das heißt aber auch, dass ihr die nächsten Wochen wieder nicht viel von mir hören werdet, weil wir ein paar gemeinsame Wochen an tropischen Traumstränden verbringen werden. Es sei denn, ihr ruft mal an. Aber, wenn ihr nichts hört, seid gewiss: Es geht mir gut! Ach was, sehr gut!

2 Comments:
damn good blog, check out mine http://juicyfruiter.blogspot.com, comments always welcome!
bin noch erfolgreich am mich davor entziehen. habe den scheiss aber auch fuer ein paar monate "genossen". ein wertvolles mitglied unserer gesellschaft zu sein ist nun wirklich nicht die angenehmste art des sich-durch-das-leben-schlagens. also viel spass bei deiner weiteren flucht davor,
niki
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